Welches Problem Pimsleur lösen wollte

Paul Pimsleur war Linguist und beschäftigte sich Mitte des 20. Jahrhunderts mit Sprachunterricht, Sprachlerneignung, Aussprache und Gedächtnis.

Ein Problem, mit dem er sich befasste, kennen Sprachlernende auch heute: Etwas wiederzuerkennen ist viel leichter, als es selbst zu formulieren, wenn Du es tatsächlich brauchst.

Eine Audiolektion, die nur auf Zuhören und Nachsprechen setzt, kann leicht zum passiven Lernen werden. Deshalb verlangten Pimsleurs Lektionen mehr: Die Lernenden sollten immer wieder selbst eine Antwort formulieren, bevor sie die richtige Antwort hörten.

Ein typischer Ablauf könnte so klingen:

Frag die Frau, ob sie Englisch spricht.

Du hast ein paar Sekunden Zeit, um zu antworten.

Erst dann hörst Du in der Aufnahme die Antwort.

Diese scheinbar kleine Entscheidung bei der Gestaltung der Lektionen gehört wohl zu den interessantesten Aspekten der Methode.

1. Aktives Abrufen statt bloßes Zuhören

Pimsleur nannte das das Prinzip der Antizipation.

Die Bezeichnung gehört zu seiner Methode. Der Lernprozess dahinter stützt sich jedoch auf eine wesentlich breitere Forschungsgrundlage.

Wenn Du versuchst, Dich an ein Wort oder eine Wendung zu erinnern, bevor Du die Antwort siehst oder hörst, übst Du das Abrufen aus dem Gedächtnis.

Vergleiche diese beiden Übungen:

Zuhören und nachsprechen:

„Ich hätte gern einen Kaffee.“
„Ich hätte gern einen Kaffee.“

Und:

Abrufen und antworten:

„Wie würdest Du Folgendes sagen: Ich hätte gern einen Kaffee?“
Pause
„Ich hätte gern einen Kaffee.“

Bei beiden Übungen sprichst Du. Die zweite fordert Dich aber stärker: Du musst Dein Gedächtnis durchsuchen und die Antwort selbst formulieren.

Dieser Unterschied ist wichtig.

Die Wirksamkeit von Abrufübungen ist in der Lernforschung gut belegt, auch beim Vokabellernen. Wenn Du versuchst, eine Antwort aus dem Gedächtnis zu geben, kannst Du später oft leichter auf dieses Wissen zugreifen, als wenn Du die Antwort einfach noch einmal siehst oder wiederholst.

Das ähnelt außerdem einem wichtigen Merkmal echter Gespräche: Niemand gibt Dir den Satz vor, bevor Du ihn sagen sollst.

Natürlich ist es immer noch viel einfacher, auf eine Aufnahme zu antworten, als ein spontanes Gespräch zu führen. Doch die Übung führt einen Schritt weiter – vom Wiedererkennen hin zum aktiven Sprachgebrauch.

2. Wiederholen mit zeitlichem Abstand

Ein weiterer wichtiger Ansatz bei Pimsleur ist das Abrufen in abgestuften Zeitabständen.

Statt einen neuen Ausdruck viele Male direkt hintereinander zu üben, greifen die Lektionen ihn nach gewissen Abständen wieder auf. Inhalte, die Du schon zuvor kennengelernt hast, tauchen später erneut auf, sodass Du sie wieder aus dem Gedächtnis abrufen musst.

Das allgemeine Prinzip dahinter ist gut belegt: Zeitlich verteiltes Üben führt meist dazu, dass Du das Gelernte langfristig besser behältst, als wenn Du dieselben Wiederholungen direkt hintereinander machst.

Pimsleur schrieb schon über dieses Problem, Jahrzehnte bevor moderne Karteikarten-Apps und digitale Systeme für zeitlich verteilte Wiederholungen verbreitet waren.

Allerdings gibt es eine wichtige Einschränkung.

Aus dem Prinzip der zeitlichen Abstände wird leicht eine viel weitreichendere Behauptung: Es gebe einen genau bestimmten Moment kurz vor dem Vergessen, den ein idealer Algorithmus immer finden könne.

So vorhersehbar ist das menschliche Gedächtnis nicht.

Die Forschung spricht für zeitlich verteiltes Üben. Es gibt aber deutlich weniger Anhaltspunkte dafür, dass ein bestimmter Wiederholungsplan mit zunehmend längeren Abständen unter allen Umständen optimal ist. Je nach Lernstoff, Person, Zeitspanne und Lernziel können unterschiedliche Pläne besser geeignet sein.

Die nützliche Erkenntnis aus Pimsleurs Ansatz ist deshalb einfacher:

Wiederhole etwas nicht einfach jetzt fünfmal – versuche, es später erneut aus dem Gedächtnis abzurufen.

3. Gezielte Übungszeit für Hören und Sprechen

Viele Lernende erleben ein auffälliges Ungleichgewicht.

Sie verstehen vielleicht geschriebene Sätze, lösen Grammatikübungen und erkennen Tausende Wörter wieder. Trotzdem fällt es ihnen schwer, gesprochener Sprache zu folgen oder im Gespräch selbst einfache Wörter und Wendungen schnell genug abzurufen.

Das ist nicht überraschend. Über eine Sprache zu lesen und selbst zu sprechen sind verwandte Fähigkeiten, aber nicht dieselben.

Bei Pimsleur stehen das Zuhören und das Sprechen im Mittelpunkt des Lernens. Du hörst immer wieder Aussprache, Rhythmus und zusammenhängende gesprochene Sprache und sollst laut antworten.

Das kann hilfreich sein, wenn Du genau diese Fähigkeiten verbessern möchtest.

Es ist auch ein Grund dafür, dass sich die Methode anders anfühlen kann als Kurse, die vor allem auf schriftlichen Übungen aufbauen.

Daraus muss aber keine allgemeine Behauptung werden, dass man Sprachen zuerst über Audio lernen sollte.

Lesen ist für Erwachsene beim Sprachenlernen enorm hilfreich. Anhand geschriebener Sprache kannst Du unbekannte Formen leichter untersuchen und mit einem viel größeren Wortschatz arbeiten. Außerdem ist Lesen selbst eine wichtige Fähigkeit.

Heutige Pimsleur-Angebote umfassen auch Leseübungen und andere ergänzende Aktivitäten. Den charakteristischen Kern der Methode bilden aber weiterhin die audiobasierten Lektionen.

Das übergeordnete Prinzip lautet nicht „Vermeide Texte.“

Sondern:

Wenn Du gesprochene Sprache besser verstehen und selbst besser sprechen möchtest, achte darauf, diese Fähigkeiten tatsächlich zu üben.

4. Weniger Lernstoff, dafür intensive Wiederholung

Pimsleur versucht nicht, Dir gleich zu Beginn riesige Mengen an Vokabeln zu vermitteln.

Stattdessen arbeiten die Lektionen mit einer relativ begrenzten Auswahl an Wörtern, Wendungen und Strukturen für Gespräche und greifen sie immer wieder auf.

Das bringt einen offensichtlichen Kompromiss mit sich.

Dein Wortschatz wächst langsamer als möglicherweise durch ausgiebiges Lesen oder andere Aktivitäten mit vielen unterschiedlichen Inhalten. Dafür übst Du die eingeführten Wörter, Wendungen und Strukturen intensiv.

Für den Einstieg kann das eine sinnvolle Entscheidung bei der Kursgestaltung sein.

Dein erstes Ziel muss nicht unbedingt sein, Tausende Wörter zu kennen. Wenn Du eine kleinere Auswahl nützlicher Wendungen schnell abrufen kannst, werden einfache Gespräche oft viel früher möglich.

Wie häufig Wörter vorkommen, spielt dabei eine Rolle. Ihr Nutzen lässt sich aber nicht auf eine allgemeingültige Liste der „500 wichtigsten Wörter“ reduzieren.

Ob Du reist, studierst, Software entwickelst oder eine Sprache lernst, um mit der Familie Deines Partners oder Deiner Partnerin zu sprechen: Je nach Ziel wirst Du schon bald ganz unterschiedliche Wörter brauchen.

Die übertragbare Erkenntnis lautet also nicht einfach Lerne die häufigsten Wörter.

Sondern:

Konzentriere Dich auf nützliche Wörter und Wendungen und übe wichtige sprachliche Mittel so oft, dass Du sie bei Bedarf abrufen kannst.

5. Sprache in Wendungen und Situationen

Pimsleur-Lektionen führen neue sprachliche Mittel meist in kurzen Dialogen ein statt als losgelöste Grammatikregeln.

Das hat einen weiteren nützlichen Effekt: Du begegnest immer wieder Wortverbindungen und Satzmustern.

Statt nur Folgendes zu lernen:

mögen

übst Du vielleicht:

Ich möchte ...

Statt einzeln zu lernen:

stören

begegnest Du möglicherweise später dieser Wendung:

Würde es Dich stören, wenn ...?

Das ist wichtig, denn flüssiger Sprachgebrauch entsteht nicht dadurch, dass Du jedes einzelne Wort immer wieder von Grund auf neu auswählst.

Sprachen enthalten enorm viele wiederkehrende Wortverbindungen, Wendungen und Satzmuster. Wenn Du einige davon als vertraute Muster lernst, kann Dir das sowohl das Verstehen als auch das eigene Formulieren erleichtern.

Bei Pimsleur tauchen grammatische Muster außerdem in unterschiedlichen Beispielen wieder auf. So kannst Du allmählich erkennen, wie die Sprache funktioniert, ohne zuvor unbedingt eine ausdrückliche Grammatikerklärung zu erhalten.

Das ist hilfreich.

Daraus folgt aber nicht die weitergehende Behauptung, die manchmal mit dieser Idee verbunden wird: Erwachsene sollten Grammatik auf natürliche Weise erwerben und deshalb auf ausdrücklichen Grammatikunterricht verzichten.

Eine kurze Erklärung kann manchmal in zwei Minuten etwas verdeutlichen, das Du Dir sonst erst aus vielen Beispielen erschließen müsstest.

Als erwachsene lernende Person musst Du Dich nicht zwischen Mustererkennung und Erklärungen entscheiden. Du kannst beides nutzen.

Funktioniert Pimsleur, weil die Methode nachahmt, wie Kinder lernen?

Das gehört zu den weniger überzeugenden Erklärungen für die Wirkung der Methode.

Kinder lernen ihre erste Sprache tatsächlich vor allem durch Zuhören, Interaktion, wiederholten Kontakt mit der Sprache und bedeutungsvolle Kommunikation. Das sind wertvolle Beobachtungen.

Doch wenn Du als erwachsene Person einen Audiokurs nutzt, bildest Du damit nicht den kindlichen Spracherwerb nach.

Kinder erleben über Jahre hinweg Tausende Stunden an Interaktion, die eng mit konkreten Situationen verknüpft ist. Erwachsene kommen meist mit deutlich weniger Sprache in Kontakt. Dafür haben sie Vorteile, die Kinder noch nicht haben: Sie können lesen, Wörterbücher nutzen, Erklärungen verstehen, gezielt den Abruf aus dem Gedächtnis üben, grammatische Muster vergleichen und ihr Lernen selbst organisieren.

Es gibt wenig Grund, auf diese Vorteile zu verzichten.

Pimsleurs Stärken beruhen nicht darauf, dass Du so tust, als wärst Du wieder ein Kind. Aktives Abrufen, zeitlich verteiltes Üben, Hörtraining, Wiederholung und nützliche Wendungen sind schon für sich genommen wertvoll.

Was Pimsleur nicht löst

Hier wird es wichtig, zwischen einer nützlichen Methode und einem vollständigen System zum Sprachenlernen zu unterscheiden.

Ein audiobasierter Kurs kann Dir beim Einstieg strukturiertes Hör- und Sprechtraining bieten. Um eine Sprache umfassend zu beherrschen, brauchst Du auf Dauer aber deutlich mehr.

Ein breiter Wortschatz

Ein Kurs mit eng begrenztem Lernstoff kann Dir nicht den gesamten Wortschatz vermitteln, der Dir in Beruf, Hobbys, Büchern, Nachrichten, Unterhaltung, Bildung und Alltag begegnet.

Irgendwann brauchst Du Kontakt mit einer viel größeren Vielfalt an sprachlichen Inhalten.

Echte Gespräche

Während einer Audiolektion zu antworten, ist eine nützliche Abrufübung. Echte Gespräche sind aber unvorhersehbar.

Dein Gegenüber kann unbekannte Wörter oder Wendungen verwenden, Dich missverstehen, Dich unterbrechen, das Thema wechseln oder eine Frage stellen, mit der Du nicht gerechnet hast.

Gespräche verlangen deshalb zusätzliche Fähigkeiten, die vorgegebene Aufgaben nicht vollständig abbilden können.

Lesen und Schreiben

Wenn diese Fähigkeiten für Deine Ziele wichtig sind, musst Du sie gezielt üben.

Durch Zuhören wirst Du nicht automatisch gut im Lesen. Und allein durch Sprechübungen lernst Du nicht, wirkungsvoll zu schreiben.

Komplexere Sprache

Für den Einstieg ist sorgfältig begrenzter Lernstoff hilfreich. Auf mittlerem und fortgeschrittenem Niveau brauchst Du zunehmend reichhaltigere Inhalte, einen größeren Wortschatz, feine Bedeutungsunterschiede, verschiedene Sprachebenen und längere Passagen authentischer Sprache.

Kein fest vorgegebener Einstiegskurs kann all das bieten.

Für wen kann Pimsleur besonders hilfreich sein?

Pimsleur ist dann am sinnvollsten, wenn die Stärken der Methode zu Deinem aktuellen Lernziel passen.

Die Methode kann besonders hilfreich für Dich sein, wenn Du:

  • neu anfängst und über Hören und Sprechen in eine Sprache einsteigen möchtest;
  • beim Lesen schon weiter bist als beim Hören oder Sprechen;
  • von einer klar strukturierten Lernroutine profitierst;
  • auf Reisen einfache Gespräche sicherer führen möchtest;
  • viele Wörter verstehst, aber mehr Übung darin brauchst, sie beim Sprechen abzurufen.

Das bedeutet nicht, dass Du ein „auditiver Lerntyp“ bist. Es gibt kaum Belege dafür, dass es sinnvoll ist, Unterricht an festen visuellen, auditiven oder kinästhetischen Lernstilen auszurichten.

Es bedeutet einfach: Hören und Sprechen sind Fähigkeiten. Wenn Du sie verbessern möchtest, hilft Dir gezieltes Üben.

Die nützlichen Prinzipien über einen einzelnen Kurs hinaus nutzen

Eine Grenze jedes fest vorgegebenen Kurses ist, dass jemand anderes auswählt, welche Wörter und Wendungen Du lernst.

Mit der Zeit hängt immer stärker von Dir selbst ab, welcher Wortschatz und welche Ausdrücke für Dich am nützlichsten sind.

Du begegnest ihnen in Artikeln, die Du liest, Videos, die Du ansiehst, Gesprächen, die Du führst, bei der Arbeit, im Studium und bei Themen, die Dir wichtig sind.

Die nützlichen Prinzipien hinter Pimsleur kannst Du auch nach einem Pimsleur-Kurs weiter anwenden:

Lerne nützliche Wörter und Wendungen kennen → versuche, sie abzurufen → höre sie erneut → wiederhole sie später → nutze sie in neuen Situationen

Hier können auch Tools wie Vocafy strukturierte Kurse ergänzen. Wörter und Wendungen aus Inhalten, die Du selbst nutzt, kannst Du zusammen mit ihrem Kontext speichern, als Audio anhören, später wiederholen und beim Aussprache- oder Gesprächstraining einsetzen.

Es geht nicht darum, Pimsleur nachzubilden.

Es geht darum, einige derselben nützlichen Lernprinzipien auf eine viel größere Auswahl an sprachlichen Inhalten anzuwenden, die stärker zu Dir persönlich passen.

Was Pimsleur richtig macht

Pimsleur muss keine wissenschaftlich bewiesene Komplettmethode sein, damit wir etwas daraus lernen können.

Mehrere Entscheidungen bei der Gestaltung der Methode haben sich über die Zeit bewährt:

  • Du musst Antworten aus dem Gedächtnis abrufen, statt nur zuzuhören;
  • wichtige Inhalte tauchen nach zeitlichen Abständen wieder auf;
  • Du übst Hören und Sprechen gezielt;
  • Du arbeitest beim Einstieg mit einer überschaubaren Menge an Lernstoff;
  • Wörter begegnen Dir in nützlichen Wendungen und Gesprächsmustern.

Andere Aussagen solltest Du vorsichtiger betrachten. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass ausgerechnet Pimsleurs Wiederholungsplan optimal ist. Lernen mit Audio ist dem Lesen nicht grundsätzlich überlegen, Erwachsene müssen Kinder nicht nachahmen, und ein strukturierter Audiokurs kann nicht alles abdecken, was Du für umfassende Sprachkompetenz brauchst.

Die vielleicht nützlichste Erkenntnis ist einfacher.

Beim wirksamen Sprachenlernen nimmst Du nicht nur Informationen auf. Du übst immer wieder, sie abzurufen, wenn Du sie brauchst.

Dieses Prinzip gilt weit über Pimsleur hinaus.