Im vorherigen Artikel haben wir uns eine einfache, aber überraschend schwierige Frage angesehen:

Bedeutet „5.000 Wörter kennen“ in jeder Sprache dasselbe?

Die kurze Antwort lautete: nein.

Die Größe Deines Wortschatzes ist nützlich, aber sie bedeutet nicht in jeder Sprache genau dasselbe. Eine Sprache kann viele grammatische Formen haben, ein komplexes Schriftsystem, lange zusammengesetzte Wörter, eine reiche Verbkonjugation oder viele Wörter, die vertraut aussehen, weil sie historische Wurzeln mit einer anderen Sprache teilen.

In diesem Artikel bleiben wir größtenteils in Europa und schauen uns einige bekannte Beispiele an: Spanisch, Französisch, Deutsch und Russisch.

Diese Sprachen werden oft in Schulen unterrichtet, in der internationalen Kommunikation verwendet und von vielen Lern-Apps unterstützt. Sie wirken auf viele Lernende vielleicht vertrauter als Mandarin, Arabisch oder Japanisch. Aber selbst unter europäischen Sprachen funktioniert Wortschatzlernen sehr unterschiedlich.

Der Grund ist einfach:

Wörter leben nicht allein. Sie leben in Grammatiksystemen.

Warum europäische Sprachen nicht „derselbe Typ“ sind

Viele europäische Sprachen gehören zur indoeuropäischen Sprachfamilie. Dazu zählen romanische Sprachen wie Spanisch, Französisch, Italienisch und Portugiesisch; germanische Sprachen wie Englisch, Deutsch und Niederländisch; und slawische Sprachen wie Russisch, Polnisch und Ukrainisch.

Durch diese gemeinsame Geschichte findest Du in verschiedenen Sprachen oft wiedererkennbare Wörter.

Zum Beispiel:

  • Englisch: nation
  • Spanisch: nación
  • Französisch: nation
  • Italienisch: nazione
  • Deutsch: Nation
  • Russisch: нация / natsiya

Solche Ähnlichkeiten können helfen. Sie machen das Lesen leichter, besonders bei bildungssprachlichem oder akademischem Wortschatz.

Aber gemeinsame Wurzeln bedeuten nicht, dass die Lernschwierigkeit identisch ist. Die tiefere Struktur jeder Sprache bleibt wichtig. Fachleute beschreiben Sprachen oft danach, wie sie Wörter bilden und verändern: Manche sind eher analytisch, andere eher fusionierend oder flektierend, andere eher agglutinierend, und viele sind Mischformen statt reine Beispiele eines einzigen Typs. WALS, eine große typologische Datenbank, beschreibt solche Unterschiede darüber, wie grammatische Marker an Wörter angehängt werden und wie Bedeutungen verschmolzen oder getrennt werden.

Selbst in Europa kann „Ich kenne 3.000 Wörter“ also je nach Sprache Unterschiedliches bedeuten.

Spanisch: freundlicher Wortschatz, anspruchsvolles Verbsystem

Spanisch fühlt sich für viele Lernende oft einladend an, besonders wenn Du schon Englisch oder eine andere europäische Sprache kannst. Viele Wörter sind wiedererkennbar:

  • animal
  • hospital
  • familia
  • universidad
  • importante
  • posible

Das kann Dir früh einen Schub an Selbstvertrauen geben. Beim Lesen ist Spanisch außerdem relativ transparent: Schreibung und Aussprache sind regelmäßiger als im Englischen oder Französischen. Wenn Du das Lautsystem verstanden hast, kannst Du neue geschriebene Wörter oft ziemlich gut aussprechen.

Aber spanischer Wortschatz ist nicht nur eine Liste vertraut aussehender Substantive.

Das Verbsystem ist ein wichtiger Teil der Lernherausforderung. Spanische Verben verändern sich nach Person, Numerus, Zeit, Modus und Aspekt. Das moderne Spanisch hat viele Kombinationen aus Tempus und Modus, und Du musst Dich außerdem mit dem Subjuntivo, unregelmäßigen Verben und regionalen Unterschieden beschäftigen. Sprachwissenschaftliche Arbeiten zu spanischen Konjugationsdatenbanken zeigen, wie groß und systematisch das spanische Verbparadigma ist: Tausende Verben und ihre vollständig konjugierten Formen sind in computergestützten Ressourcen erfasst.

Für das Wortschatzlernen bedeutet das etwas Wichtiges:

Die Wörterbuchform eines spanischen Verbs zu kennen, reicht nicht.

Wenn Du hablar („sprechen“) kennst, musst Du auch Formen wie diese wiedererkennen:

  • hablo — ich spreche
  • hablas — Du sprichst
  • habló — er/sie sprach
  • hablamos — wir sprechen
  • hablaría — ich/er/sie würde sprechen
  • hable — Form des Subjuntivo

Vielleicht „kennst“ Du das Verb, erkennst es aber in echter gesprochener Sprache trotzdem nicht schnell genug.

Beim Spanischen solltest Du Wortschatzlernen daher mit Wortbedeutung + Verbmustern verbinden. Die gute Nachricht: Viele Muster sind regelmäßig. Wenn Du sie einmal verstanden hast, wird jedes neue Verb leichter aufzunehmen.

Französisch: vertraute Wörter, weniger transparente Aussprache

Französisch bietet Dir eine andere Erfahrung.

Auf dem Papier sehen viele französische Wörter für Englischsprachige vertraut aus, weil das Englische sehr viel Wortschatz aus dem Französischen und Lateinischen übernommen hat. Wörter wie important, possible, nation, condition, information, culture und conversation sind schriftlich leicht zu erkennen.

Das ist ein großer Vorteil beim Lesen.

Gesprochenes Französisch kann sich aber deutlich schwieriger anfühlen als geschriebenes Französisch. Viele Endkonsonanten bleiben stumm. Wörter verbinden sich durch Liaison. Vokale und Nasallaute können ungewohnt sein. Schriftform und gesprochene Form passen für Anfänger*innen nicht immer intuitiv zusammen. Oxford beschreibt die französische Liaison zum Beispiel als Aussprache eines normalerweise stummen Endkonsonanten vor einem folgenden Vokal und weist darauf hin, dass sie zu den komplexen Merkmalen der französischen Aussprache gehört.

Dadurch entsteht ein besonderes Wortschatzproblem:

Du erkennst ein französisches Wort vielleicht schriftlich, aber nicht, wenn Du es hörst.

Ein geschriebenes Wort kann zum Beispiel fast international aussehen, wird in einem Satz aber Teil eines verbundenen Lautstroms. Wenn Du Französisch lernst, brauchst Du deshalb nicht nur Wortlisten, sondern auch wiederholtes Hören.

Im Französischen heißt ein Wort zu kennen, auch Folgendes zu kennen:

  • seine Schreibweise,
  • seine Aussprache,
  • sein grammatisches Geschlecht,
  • häufige Wendungen damit,
  • und wie es in zusammenhängender Sprache klingt.

Darum kannst Du beim Lesen das Gefühl haben „Dieses Wort kenne ich“, es in einem Film, Podcast oder Gespräch aber trotzdem verpassen.

Deutsch: Komposita, Genus und Kasus

Der deutsche Wortschatz hat ein weiteres besonderes Merkmal: zusammengesetzte Wörter.

Deutsch kann lange Wörter bilden, indem kleinere Wörter kombiniert werden. Zum Beispiel:

  • Haus — das Grundwort „Haus“
  • Krankenhaus — Krankenhaus, wörtlich „Haus für kranke Menschen“
  • Wortschatz — Wortschatz, wörtlich „Wort-Schatz“
  • Fremdsprache — fremde Sprache

Das kann am Anfang einschüchternd wirken, ist aber auch sehr mächtig. Wenn Du die Bestandteile kennst, kannst Du die Bedeutung neuer zusammengesetzter Wörter oft erraten.

Deutsch ist bekannt für produktive Wortzusammensetzung, besonders bei Substantiv-Substantiv-Komposita. Sprachwissenschaftliche Arbeiten zur Komposition behandeln germanische Nominalkomposita häufig als wichtiges Analysegebiet.

Im Deutschen wird die Frage „Wie viele Wörter kenne ich?“ dadurch knifflig.

Wenn Du Haus, Schule, Arbeit, Zeit, Sprache, Wort und Buch kennst, kannst Du viele Komposita verstehen, die aus diesen Elementen gebaut sind. Dein echtes Verständnis kann schneller wachsen, als eine einfache Wortschatzzählung vermuten lässt.

Deutsch hat aber auch grammatische Herausforderungen. Substantive haben ein Genus: maskulin, feminin oder neutral. Außerdem hat Deutsch Kasusmarkierung, traditionell beschrieben über Nominativ, Akkusativ, Dativ und Genitiv. Diese Merkmale beeinflussen Artikel, Adjektivendungen und Satzstruktur.

Ein deutsches Substantiv zu kennen bedeutet also nicht nur, seine Bedeutung zu kennen. Am besten lernst Du es gleich mit seinem Artikel:

  • der Tisch — maskuliner Artikel
  • die Sprache — femininer Artikel
  • das Buch — neutraler Artikel

Wenn Du Deutsch lernst, wird Dein Wortschatz stärker, wenn Du Substantive zusammen mit Genus und häufigen Wendungen lernst, nicht als isolierte Übersetzungen.

Russisch: weniger vertraute Anker, mehr grammatische Formen

Russisch gibt vielen Lernenden eine ganz andere Erfahrung.

Wenn Du Englisch oder eine romanische Sprache sprichst, hat Russisch weniger Wörter, die Du sofort wiedererkennst. Natürlich gibt es internationale Begriffe, besonders in Wissenschaft, Kultur und Politik, aber der Alltagswortschatz fühlt sich oft weniger vertraut an.

Russisch verwendet außerdem das kyrillische Alphabet. Das Alphabet selbst ist nicht unmöglich zu lernen, aber es fügt am Anfang eine zusätzliche Hürde hinzu.

Die größere Herausforderung ist die Grammatik. Russische Substantive verändern sich nach Kasus, Numerus und Genus. Im Russischunterricht arbeitet man normalerweise mit sechs Hauptfällen: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Instrumental und Präpositiv. Diese Fälle verändern die Form von Substantiven, Pronomen und Adjektiven, je nachdem, welche Rolle sie im Satz haben.

Für das Wortschatzlernen heißt das: Du musst viele Formen desselben Wortes wiedererkennen.

Ein Substantiv kann zum Beispiel anders aussehen, je nachdem, ob es Subjekt, Objekt, Besitz, Ort oder Mittel ausdrückt. Wenn Du am Anfang stehst, lernst Du vielleicht die Grundform, erkennst dasselbe Wort im Satz aber noch nicht wieder.

Russische Verben bringen ein weiteres wichtiges Merkmal mit: Aspekt. Viele Verben kommen in imperfektiven und perfektiven Paaren vor. Das bedeutet: Du musst oft nicht nur die Grundhandlung verstehen, sondern auch, ob die Handlung gerade läuft, wiederholt wird, abgeschlossen ist oder als Ganzes betrachtet wird.

Russischen Wortschatz zu lernen heißt also nicht nur, mehr Wörter hinzuzufügen. Du musst eine starke Verbindung zwischen Wortstämmen, Endungen, Kasusmustern und Verbaspekt aufbauen.

Die Rolle von Kognaten und falschen Freunden

Europäische Sprachen enthalten oft Kognaten: Wörter, die einen gemeinsamen historischen Ursprung haben und ähnlich aussehen.

Das kann enorm helfen.

Wenn Du Englisch kannst, können Wörter im Spanischen, Französischen, Deutschen oder Russischen, die aus dem Lateinischen, Griechischen oder modernem internationalem Wortschatz stammen, leichter zu lernen sein. Akademischer und technischer Wortschatz ist besonders reich an solchen Verbindungen.

Kognaten können aber auch Fallen schaffen.

Manche Wörter sehen ähnlich aus, bedeuten aber nicht genau dasselbe. Sie werden oft falsche Freunde genannt.

Zum Beispiel bedeutet Spanisch actual meistens „aktuell“ oder „derzeitig“, nicht „tatsächlich“ im englischen Sinn von actual. Französisch librairie bedeutet „Buchhandlung“, nicht „Bibliothek“. Das deutsche Wort Gift bedeutet „Gift“, nicht „Geschenk“.

Deshalb ist wiedererkennbarer Wortschatz nützlich, aber Du solltest die Bedeutung trotzdem im Kontext prüfen.

Was bedeuten „5.000 Wörter“ in diesen Sprachen?

Im Spanischen können Dir 5.000 gut ausgewählte Wortschatzeinheiten eine starke Grundlage für alltägliches Lesen und Kommunizieren geben, besonders weil viele Wörter wiedererkennbar sind und die Schreibung relativ transparent ist. Aber Verbformen und Subjuntivo-Muster brauchen trotzdem Übung.

Im Französischen können 5.000 Wortschatzeinheiten beim Lesen sehr helfen, aber Dein Hörverstehen kann hinterherhinken, wenn Du Aussprache und zusammenhängende Sprache nicht trainierst.

Im Deutschen können 5.000 Grundwörter mächtiger sein, als sie zuerst wirken, weil Komposita Dein Verständnis erweitern. Aber Genus, Kasus und Wortstellung musst Du zusammen mit dem Wortschatz lernen.

Im Russischen können 5.000 Wortschatzeinheiten eine starke Grundlage sein, aber Du musst auch Kasusformen, Aspektpaare und kyrillische Schreibweisen erkennen. Sonst können bekannte Wörter in echten Sätzen fremd aussehen.

Die Zahl ist also nützlich, aber unvollständig.

Eine bessere Strategie für europäische Sprachen

Wenn Du lernst, fragst Du am besten nicht nur:

„Wie viele Wörter habe ich gelernt?“

Eine bessere Frage ist:

„Wie nutzbar ist mein Wortschatz in dieser Sprache?“

Für europäische Sprachen bedeutet das Unterschiedliches:

  • Lerne im Spanischen Verben in häufigen Formen und echten Satzmustern.
  • Verbinde im Französischen geschriebene Wörter durch Hören mit ihrem Klang.
  • Lerne im Deutschen Substantive mit Artikeln und achte darauf, wie Komposita gebaut werden.
  • Lerne im Russischen Wortstämme zusammen mit Kasusmustern und Verbaspekt.

In all diesen Sprachen bleibt hochfrequenter Wortschatz der nützlichste Wortschatz. Die ersten paar Tausend häufigen Wörter sind enorm wichtig. Aber jede Sprache verlangt von Dir, diese Wörter anders zu organisieren.

Die eigentliche Erkenntnis

Europäische Sprachen wirken vielleicht vertrauter als Mandarin, Arabisch oder Japanisch, aber sie sind keine einfachen Kopien des Englischen.

Spanisch kann Dich mit transparenter Schreibung und vielen vertrauten Wörtern belohnen, aber seine Verben verlangen Aufmerksamkeit. Französisch kann auf der Seite leicht aussehen, in natürlicher Sprache aber schwierig klingen. Deutsch kann lange Wörter aus vertrauten Teilen bauen, aber Genus und Kasus sind wichtig. Russisch kann von Dir verlangen, in Wortstämmen, Endungen und grammatischen Rollen zu denken.

Ja, Wortschatzzahlen sind hilfreich.

Aber 5.000 Wörter bedeuten nicht in jeder europäischen Sprache genau dasselbe.

Das eigentliche Ziel ist nicht, Wörter nur zu zählen. Es geht darum, ein Wortschatzsystem aufzubauen, das zur Sprache passt: zu ihren Lauten, Formen, ihrer Grammatik, Schreibung und ihren häufigen Wendungen.

Im nächsten Artikel verlassen wir Europa und schauen uns Mandarin und Japanisch an — zwei Sprachen, in denen die Beziehung zwischen Wörtern, Schriftsystemen und Wortschatzwissen noch faszinierender wird.