Heidi

Zum Alm-Öhi hinauf

Dete bringt die kleine Heidi auf die Alm zu ihrem Großvater, vor dem die Menschen im Dorf Angst haben.

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An einem sonnigen Morgen im Juni stieg eine junge Frau von Maienfeld den steilen Weg in die Berge hinauf. An der Hand führte sie ein Mädchen von etwa fünf Jahren. Das Kind hatte ganz rote Wangen, und das war kein Wunder. Trotz der Hitze trug es zwei oder drei Kleider übereinander, darüber ein großes rotes Tuch und dazu schwere Bergschuhe.

Nach einer Stunde kamen sie ins Dörfli, ein kleines Dorf auf halber Höhe der Alm, wo die junge Frau zu Hause war. Am letzten Haus kam eine Bekannte heraus, die Barbel, und ging mit ihr weiter.

„Wohin willst du denn mit dem Kind, Dete?“, fragte Barbel.

„Hinauf zum Öhi. Ich habe in Frankfurt eine sehr gute Stelle bekommen, und die gebe ich wegen des Kindes nicht auf. Er ist der Großvater, jetzt soll er auch etwas tun.“

„Sie soll beim Alm-Öhi bleiben? Bist du verrückt?“, rief Barbel. „Der Alte will mit keinem Menschen etwas zu tun haben, und alle haben Angst vor ihm. Was hat er nur getan, dass er so allein da oben lebt?“

Dete sah sich nach Heidi um, denn das Kind sollte nicht alles hören. Aber Heidi war zurückgeblieben und kletterte weiter unten mit Peter und den Ziegen den Hang hinauf.

„Früher hatte der Öhi einen großen Bauernhof“, erzählte Dete. „Aber er hat gespielt und getrunken, bis der ganze Hof weg war. Seine Eltern sind vor Kummer gestorben, und er ist als Soldat nach Neapel und Sizilien gegangen. Man sagt, dass er dort bei einer Schlägerei einen Mann erschlagen hat. Viele Jahre später ist er mit seinem Sohn Tobias ins Dörfli gekommen. Wir sind mit ihm verwandt und haben ihn darum Öhi genannt, also Onkel, und bald hat ihn das ganze Dorf so genannt. Tobias ist Zimmermann geworden und hat meine Schwester Adelheid geheiratet. Aber zwei Jahre später ist bei der Arbeit ein Balken auf ihn gefallen und hat ihn erschlagen. Adelheid hat vor Kummer Fieber bekommen und ist ein paar Wochen nach ihm gestorben. Da haben die Leute gesagt, dass Gott den Öhi für sein gottloses Leben bestraft. Er ist immer wilder geworden, und dann ist er hinauf auf die Alm gezogen. Seitdem heißt er der Alm-Öhi. Das Kind war damals ein Jahr alt, und meine Mutter und ich haben es zu uns genommen. Letzten Sommer ist meine Mutter gestorben, und nach Frankfurt kann ich die Kleine nicht mitnehmen.“

Bei einer kleinen braunen Hütte verabschiedete sich Barbel. Hier wohnte der Geißenpeter, ein Junge von elf Jahren, mit seiner Mutter Brigitte und seiner blinden Großmutter. Jeden Morgen holte er im Dörfli die Ziegen der Leute, trieb sie hoch hinauf auf die Alm und brachte sie am Abend wieder herunter.

Heidi war zuerst nur mühsam hinter Peter hergeklettert, denn in ihren vielen Kleidern war ihr furchtbar heiß. Peter sprang mit nackten Füßen über die Steine, und die Ziegen kletterten noch leichter. Plötzlich setzte sich Heidi auf den Boden und zog Schuhe und Strümpfe aus, dann das Tuch und ein Kleid nach dem anderen. Sie legte alles ordentlich auf einen Haufen und sprang im leichten Unterrock fröhlich hinter Peter und den Ziegen her.

Als die Kinder auch bei Peters Hütte ankamen, schrie Dete laut auf. „Heidi, wie siehst du denn aus? Wo sind deine Kleider und die neuen Schuhe?“

Heidi zeigte ruhig den Berg hinunter. „Dort! Ich brauche sie nicht.“

Dete hielt Peter eine glänzende Münze hin, und sofort rannte er hinunter und holte die Kleider. Dann trug er sie auch noch bis zur Hütte des Großvaters hinauf.

Die Hütte des Großvaters stand frei auf einem Vorsprung des Berges, mit einem weiten Blick ins Tal. Hinter ihr standen drei alte Tannen. Vor der Hütte saß der Großvater mit der Pfeife im Mund auf seiner Bank. Heidi war zuerst oben. Sie ging direkt auf ihn zu, gab ihm die Hand und sagte: „Guten Tag, Großvater!“

„So, so, was soll das heißen?“, fragte er unfreundlich und sah sie lange unter seinen buschigen grauen Augenbrauen an. Heidi sah ihn genauso fest an, ohne ein einziges Mal zu blinzeln. Mit seinem langen Bart sah der Großvater so seltsam aus, dass sie ihn genau ansehen musste.

„Guten Tag, Öhi“, sagte Dete. „Hier bringe ich Ihnen das Kind von Tobias und Adelheid.“

„Und was soll das Kind bei mir?“, fragte der Großvater kurz. Dann rief er Peter zu: „Geh mit deinen Ziegen, und nimm meine mit!“ Peter verschwand sofort.

„Das Kind muss bei Ihnen bleiben“, sagte Dete. „Ich habe vier Jahre lang für die Kleine gesorgt. Jetzt sind Sie einmal dran.“

„So“, sagte der Großvater, und seine Augen blitzten. „Und wenn sie nach dir weint, was soll ich dann mit ihr machen?“

„Das ist Ihre Sache! Sie sind der nächste Verwandte. Wenn ihr etwas passiert, ist es Ihre Schuld.“

Dete hatte kein gutes Gewissen, darum war sie so laut geworden. Der Großvater stand auf und sah sie so an, dass sie ein paar Schritte zurückging. Dann streckte er den Arm aus. „Geh hinunter, wo du hergekommen bist, und komm so bald nicht wieder!“

„Leb wohl, Heidi“, sagte Dete schnell und lief den Berg hinunter. Im Dörfli riefen ihr die Frauen aus allen Fenstern zu: „Wo ist das Kind? Wie kannst du es beim Alm-Öhi lassen? Das arme kleine Ding!“ Dete lief schnell weiter, denn sie fühlte sich nicht wohl. Ihre Mutter hatte ihr das Kind vor ihrem Tod anvertraut. Aber sie sagte sich: „Wenn ich viel Geld verdiene, kann ich später mehr für das Kind tun.“

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