Jeden Nachmittag, wenn Klara schlief, holte die Großmama Heidi zu sich. Sie zeigte ihr, wie man Kleider für Puppen näht, und Heidi las ihr aus ihrem Buch vor. Aber richtig froh sah Heidi nie aus.
In der letzten Woche fragte die Großmama: „Hast du immer noch denselben Kummer? Und betest du jeden Tag?“
„Nein, ich bete gar nicht mehr. Es nützt nichts. Ich habe wochenlang jeden Tag dasselbe gebetet, und der liebe Gott hat es nicht getan. Wenn abends so viele Leute in Frankfurt beten, kann er ja nicht auf alle hören.“
„So ist es nicht, Heidi“, sagte die Großmama. „Der liebe Gott hört alle Menschen, denn er ist kein Mensch wie du und ich. Er ist wie ein guter Vater und weiß immer, was gut für uns ist. Manches ist jetzt noch nicht gut für uns. Dann gibt er es uns erst später, zur richtigen Zeit. Oder er gibt uns etwas Besseres. Aber du hast nicht gewartet, sondern bist von ihm weggelaufen. Willst du nicht wieder zu ihm gehen, ihn um Verzeihung bitten und ihm vertrauen?“
„Ja, ich gehe sofort“, sagte Heidi, „und ich will ihn nie mehr vergessen.“ Und sie lief in ihr Zimmer und betete.
Dann reiste die Großmama ab, und das Haus war still und leer. Am nächsten Tag las Heidi Klara eine Geschichte vor, in der eine Großmutter starb. Plötzlich weinte sie laut: „Jetzt ist die Großmutter tot, und sie hat kein einziges Brötchen bekommen!“ Klara erklärte ihr, dass es eine ganz andere Großmutter war. Aber jetzt hatte Heidi Angst, dass die Großmutter und der Großvater sterben könnten, während sie so weit weg war.
Da kam Fräulein Rottenmeier herein. „Adelheid, jetzt ist genug! Wenn du noch ein einziges Mal beim Lesen so schreist, nehme ich dir das Buch weg, und zwar für immer!“
Heidi wurde ganz weiß vor Schreck, denn das Buch war ihr größter Schatz. Von nun an weinte sie nie mehr beim Lesen. Manchmal musste sie die Tränen so mühsam hinunterschlucken, dass Klara sagte: „Heidi, du machst so schreckliche Gesichter!“
Aber Heidi aß fast nichts mehr und wurde immer dünner und blasser. Sebastian flüsterte ihr beim Essen oft zu: „Nehmen Sie doch, kleines Fräulein, es ist sehr gut! Noch einen Löffel!“ Doch es half nichts. Nachts weinte sie leise in ihr Kissen.
So vergingen Herbst und Winter. Aus den Fenstern sah Heidi immer nur Mauern, und auf den kurzen Fahrten mit Klara sah sie nur Straßen und Häuser. Dann schien die Sonne wieder hell auf die weiße Mauer gegenüber. Heidi wusste: Jetzt zog Peter wieder mit den Ziegen auf die Alm, und am Abend brannten alle Berge. Da setzte sie sich in eine Ecke ihres Zimmers und hielt sich die Augen zu, damit sie die Sonne nicht sah.