Um halb fünf Uhr morgens weckte Herr Sesemann das ganze Haus, und Fräulein Rottenmeier musste sofort einen Koffer für Heidi packen. Dann setzte er sich an Klaras Bett und erzählte ihr alles. Klara war sehr traurig, aber der Vater versprach ihr: „Nächstes Jahr reisen wir zusammen in die Schweiz.“ Da wollte Klara wenigstens selbst noch viele schöne Dinge für Heidi einpacken.
Dete dachte an die Worte des Großvaters und hatte keine Zeit, Heidi nach Hause zu bringen. So musste Sebastian mitfahren. „In Basel übernachten Sie mit dem Kind im Gasthof“, sagte Herr Sesemann. „Machen Sie nachts im Zimmer die Fenster fest zu und schließen Sie die Tür gut ab. Das Kind wandert nachts im Schlaf herum.“
„Ach so! Das war also das Gespenst!“, rief Sebastian.
Dann schrieb Herr Sesemann einen Brief an den Großvater und rief Heidi. „Na, Kleine, heute fährst du nach Hause.“
„Nach Hause?“, sagte Heidi leise und wurde ganz weiß. Dann wurde sie dunkelrot. „O ja, wie gern!“
„Und sieh mal hier!“, rief Klara und zeigte auf einen Korb, in dem zwölf schöne weiße Brötchen für die Großmutter lagen. Die Kinder freuten sich so sehr, dass sie den Abschied ganz vergaßen.
Heidi legte noch ihr Buch von der Großmama in den Korb. Dann wickelte sie ihren alten Strohhut in ihr altes rotes Tuch und legte das Bündel oben darauf. Auf dem Kopf trug sie ihren schönen neuen Federhut. Aber an der Treppe nahm Fräulein Rottenmeier das rote Bündel und warf es auf den Boden. „So reist du nicht aus diesem Haus, Adelheid!“
Heidi sah Herrn Sesemann flehend an. „Das Kind soll mitnehmen, was ihm Freude macht“, sagte er bestimmt, „auch wenn es junge Katzen oder Schildkröten sind!“ Glücklich hob Heidi ihr Bündel auf. Unten am Wagen dankte sie Herrn Sesemann für alles und ließ den Doktor tausendmal grüßen. Er hatte doch gesagt, dass morgen alles gut wird.
Im Zug hielt Heidi ihren Korb ganz fest auf dem Schoß. „Sebastian, ist die Großmutter auch sicher nicht gestorben?“, fragte sie immer wieder. Nach einer Nacht in Basel kamen sie in Maienfeld an. Dort nahm der Bäcker aus dem Dörfli den Koffer und das Kind auf seinem Wagen mit. Heimlich gab Sebastian Heidi eine schwere Rolle und den Brief für den Großvater. „Die Rolle ist ein Geschenk von Herrn Sesemann. Leg sie ganz unten in den Korb und pass gut darauf auf!“
„Ist es dir in Frankfurt schlecht gegangen?“, fragte der Bäcker unterwegs.
„Nein, aber ich bin tausendmal lieber beim Großvater auf der Alm als irgendwo sonst auf der Welt.“
Heidi zitterte vor Aufregung, denn sie erkannte die Bäume am Weg, und drüben grüßten die spitzen Felsen des Falknis wie alte Freunde. Im Dörfli sprang sie vom Wagen und lief los. Die Leute wunderten sich, dass das Kind zum Alm-Öhi zurückkam. Er war seit einem Jahr noch böser als vorher. Aber der Bäcker erzählte allen, dass es selbst zum Großvater zurückwollte.
Heidi rannte den Berg hinauf und hatte nur einen Gedanken: „Lebt die Großmutter noch?“ Mit klopfendem Herzen öffnete sie die Tür der kleinen Hütte und sprang hinein.
„Ach du lieber Gott“, kam es aus der Ecke. „So ist früher unsere Heidi hereingesprungen. Wer ist da?“
„Ich bin es, Großmutter! Ich bin wieder da!“ Heidi kniete sich neben sie und hielt ihre Hände fest. Die Großmutter strich ihr über die krausen Haare. „Ja, das sind ihre Haare und ihre Stimme. Lieber Gott, dass ich das noch erleben darf!“ Und aus den blinden Augen fielen große Freudentränen.
„Weine nicht, Großmutter. Ich komme jetzt jeden Tag zu dir. Und du musst kein hartes Brot mehr essen!“ Heidi legte ihr ein Brötchen nach dem anderen auf den Schoß, alle zwölf.
„Ach Kind, was für ein Segen! Aber der größte Segen bist du selbst!“
Da kam Brigitte herein und staunte über Heidis schönes Kleid und den Federhut. „Den Hut kannst du haben“, sagte Heidi und holte ihren alten Strohhut aus dem roten Tuch. Mit einem Federhut wollte der Großvater sie ja nie sehen. Dann zog sie auch das schöne Kleid aus und band sich das rote Tuch um. „Sonst erkennt mich der Großvater vielleicht nicht.“
„Pass auf“, sagte Brigitte an der Tür leise. „Peter sagt, der Alm-Öhi ist jetzt immer böse.“
Heidi stieg mit ihrem Korb weiter die Alm hinauf. Plötzlich fiel ein roter Schein vor ihre Füße. Sie drehte sich um: Die Felsen am Falknis brannten wie Feuer, das Schneefeld an der Schesaplana glühte, und rosenrote Wolken zogen darüber. So schön hatte sie es nicht einmal im Traum gesehen. Mit Tränen auf den Wangen faltete sie die Hände und dankte dem lieben Gott, dass er sie wieder nach Hause gebracht hatte.
Dann rannte sie weiter, bis sie die Tannen und die Hütte sah. Auf der Bank saß der Großvater und rauchte seine Pfeife. Heidi warf ihren Korb auf den Boden, umarmte ihn und konnte nur rufen: „Großvater! Großvater! Großvater!“
Auch der Großvater sagte nichts. Zum ersten Mal seit vielen Jahren wurden seine Augen nass. Dann setzte er Heidi auf seine Knie. „So, du bist wieder heimgekommen. Haben sie dich weggeschickt?“
„O nein, Großvater! Alle waren so gut zu mir. Aber ich habe es fast nicht mehr ausgehalten und nichts gesagt, weil das undankbar war. Vielleicht steht alles in dem Brief.“ Sie gab ihm den Brief und die Rolle.
Der Großvater las den Brief und steckte ihn ohne ein Wort in die Tasche. „Das Geld gehört dir. Davon kannst du dir ein Bett kaufen.“
„Ein Bett habe ich doch schon“, sagte Heidi. Aber als sie die Leiter hinaufkletterte, rief sie erschrocken: „Großvater, ich habe kein Bett mehr!“
„Das kommt schon wieder“, sagte er. „Jetzt trink deine Milch.“ Heidi setzte sich auf ihren hohen Stuhl und trank. „So gut wie unsere Milch ist doch nichts auf der Welt, Großvater!“
Da kamen die Ziegen von oben gesprungen. „Schwänli! Bärli! Kennt ihr mich noch?“, rief Heidi, und alle drängten sich meckernd um sie. Peter blieb vor Staunen wie angewurzelt stehen. „Bist du wieder da? Kommst du morgen mit?“
„Morgen muss ich zur Großmutter, aber übermorgen vielleicht.“
„Gut, dass du wieder da bist“, sagte Peter und strahlte über das ganze Gesicht.
Als Heidi in die Hütte zurückkam, war ihr Bett schon fertig. Der Großvater hatte viel frisches, duftendes Heu geholt und ein sauberes Laken darübergelegt. In der Nacht stieg der Großvater wohl zehnmal die Leiter hinauf. Er sah nach, ob sie ruhig schlief und ob das Heu noch fest in dem runden Loch steckte. Er hatte es hineingestopft, damit der Mondschein nicht mehr auf ihr Bett fiel. Aber Heidi schlief fest und wanderte nicht herum. Sie war wieder zu Hause auf der Alm.