Heidi

Am Sonntag, wenn die Glocken läuten

Heidi liest der Großmutter aus dem Liederbuch vor und erzählt dem Großvater, was sie in Frankfurt gelernt hat.

Rozdział 14 Niemiecki B1 Średnio zaawansowany
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Am nächsten Nachmittag ging der Großvater ins Dörfli, um den Koffer zu holen, und Heidi lief zur Großmutter. „Kommst du wieder, Kind?“, rief die Großmutter und hielt ihre Hand ganz fest.

„Sie hat gestern und heute zusammen nur ein einziges Brötchen gegessen, damit sie nicht so schnell weg sind“, erzählte Brigitte. „Der Bäcker im Dörfli backt auch solche, aber ich kann kaum das schwarze Brot bezahlen.“

Da strahlte Heidi. „Ich habe ja so viel Geld! Jetzt bekommst du jeden Tag ein frisches Brötchen, Großmutter, und am Sonntag zwei. Peter kann sie beim Bäcker im Dörfli holen.“

„Nein, Kind, das Geld musst du dem Großvater geben“, sagte die Großmutter. Aber Heidi hüpfte vor Freude durch das Zimmer, bis sie oben auf dem Regal das alte Liederbuch sah. „Großmutter, ich kann jetzt lesen! Soll ich dir ein Lied vorlesen?“

Sie wischte den Staub von dem Buch und las ein Lied von der goldenen Sonne. Es erzählte, dass alles Leid einmal aufhört und nach Sturm und Wind wieder die Sonne scheint. Die Großmutter saß ganz still mit gefalteten Händen, und Tränen liefen ihr über die Wangen. Aber auf ihrem Gesicht lag eine Freude, wie Heidi sie noch nie bei ihr gesehen hatte. „Lies es noch einmal, Heidi“, bat sie:

„Kreuz und Elende,

das nimmt ein Ende …“

Heidi las die Strophe noch einmal. „Oh, Heidi, das macht hell im Herzen!“, sagte die Großmutter immer wieder. „Wie gut du mir getan hast!“

Da klopfte der Großvater ans Fenster. Auf dem Heimweg bat Heidi: „Gibst du mir das Geld aus der Rolle, Großvater? Dann kann Peter der Großmutter jeden Tag ein Brötchen holen.“

„Und das Bett, Heidi?“

Aber Heidi schlief auf ihrem Heu viel besser als in dem weichen Bett in Frankfurt. Sie bat so lange, bis der Großvater sagte: „Das Geld gehört dir. Davon kannst du der Großmutter viele Jahre lang Brot kaufen.“

„Juhu!“, rief Heidi. Dann wurde sie ganz ernst. „Großvater, ich habe in Frankfurt gebetet und wollte sofort nach Hause. Aber der liebe Gott hat mich warten lassen. Sonst hätte ich der Großmutter nur wenige Brötchen gebracht, und ich hätte nicht lesen gelernt. Aber der liebe Gott hat sich etwas viel Schöneres ausgedacht, wie die Großmama gesagt hat. Wir wollen jetzt jeden Tag beten, damit er uns nicht vergisst.“

„Und wenn einer ihn doch vergessen hat?“, fragte der Großvater leise.

„Dann vergisst ihn der liebe Gott auch, und wenn es ihm schlecht geht, hat niemand Mitleid mit ihm.“

„Das ist wahr, Heidi. Und wer einmal so weit ist, der kann nicht mehr zurück.“

„O doch, Großvater, man kann zurück! Das steht in der schönen Geschichte in meinem Buch.“

Zu Hause setzte sich der Großvater nachdenklich auf die Bank, und Heidi las ihm die Geschichte vor. Ein Sohn wollte sein eigener Herr sein. Er nahm sein Geld und lief fort, bis er nichts mehr hatte und bei einem fremden Bauern hungrig Schweine hüten musste. Da dachte er an seinen guten Vater und weinte vor Reue. Als er nach Hause kam, sah ihn der Vater schon von weitem, lief ihm entgegen und fiel ihm um den Hals. „Vater, ich habe gegen den Himmel und gegen dich gesündigt“, sagte der Sohn. „Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.“ Aber der Vater ließ ihm die besten Kleider bringen und ein großes Fest feiern. „Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig“, sagte er. „Er war verloren und ist wiedergefunden worden.“

„Ist das nicht eine schöne Geschichte, Großvater?“

„Doch, Heidi, sie ist schön“, sagte der Großvater, aber sein Gesicht war so ernst, dass Heidi still wurde.

Spät in der Nacht stieg der Großvater mit seiner Lampe die Leiter hinauf. Heidi schlief mit gefalteten Händen und so friedlich, dass er lange vor ihr stand. Dann faltete auch er die Hände und sagte leise: „Vater, ich habe gegen den Himmel und gegen dich gesündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.“ Und große Tränen liefen ihm über die Wangen.

Am Sonntagmorgen rief er: „Komm, Heidi! Zieh ein schönes Kleid an, wir gehen zusammen in die Kirche!“ Heidi staunte, als sie ihn in seiner besten Jacke mit den silbernen Knöpfen sah. Hand in Hand gingen sie den Berg hinunter, und von allen Seiten läuteten die Glocken. „Hörst du, Großvater? Es ist wie ein großes Fest!“

In der Kirche setzten sie sich ganz hinten hin, und sofort flüsterte es überall: „Der Alm-Öhi ist in der Kirche!“ Nach dem Gottesdienst ging der Großvater mit Heidi ins Pfarrhaus, und die Leute warteten gespannt draußen. „Vielleicht ist er gar nicht so böse“, sagten sie. „Ein Kind läuft doch nicht aus einem reichen Haus zu einem Großvater zurück, vor dem es Angst haben muss!“

Drinnen schüttelte der Pfarrer dem Großvater herzlich die Hand. „Ich komme, um Sie um Verzeihung zu bitten, Herr Pfarrer“, sagte der Großvater. „Sie hatten recht, und ich hatte unrecht. Im Winter ziehe ich ins Dörfli, denn der Winter da oben ist zu hart für das Kind.“

Die Augen des Pfarrers glänzten. „Nachbar, Sie waren schon in der richtigen Kirche, bevor Sie in meine gekommen sind“, sagte er. „Sie sind mir jederzeit als Freund willkommen.“ Als die Leute draußen sahen, wie herzlich er sich von dem Großvater verabschiedete, kamen sie von allen Seiten und gaben ihm die Hand. „Schön, dass Sie wieder zu uns kommen, Öhi!“

„Großvater, heute bist du so schön wie noch nie“, sagte Heidi.

„Meinst du? Ja, Heidi, mir geht es heute besser, als ich es verdient habe. Mit Gott und den Menschen in Frieden leben, das tut gut. Der liebe Gott hat es gut mit mir gemeint, als er dich auf die Alm geschickt hat.“

Bei Peters Hütte ging der Großvater gleich hinein. „Grüß Gott, Großmutter. Bevor der Herbstwind kommt, müssen wir wieder einiges reparieren.“

„Das ist ja der Öhi!“, rief die Großmutter glücklich. „Dass ich Ihnen noch einmal danken kann! Und ich bitte Sie: Lassen Sie Heidi nie wieder fortgehen, solange ich lebe.“

„Keine Sorge, Großmutter. Jetzt bleiben wir alle zusammen.“

Da stürmte Peter herein mit einem Brief für Heidi. Er war von Klara: Ohne Heidi war es so langweilig in Frankfurt, dass ihr Papa eine Reise nach Bad Ragaz im Herbst versprochen hatte. Die Großmama wollte mitkommen und Heidi und den Großvater auf der Alm besuchen. Außerdem schickte sie der Großmutter Kaffee, damit sie ihre Brötchen nicht trocken essen musste.

Da freuten sich alle, und sie redeten so lange, dass selbst der Großvater die Zeit vergaß. „Das Schönste ist doch, wenn ein alter Freund wiederkommt und uns die Hand gibt“, sagte die Großmutter zuletzt. Dann stiegen der Großvater und Heidi im Abendlicht zur Hütte hinauf, und von unten aus dem Tal klangen friedlich die Abendglocken.

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