An einem sonnigen Morgen im September ging der Doktor zum Haus Sesemann. Er sah nicht auf den blauen Himmel, sondern auf die Steine vor seinen Füßen. Vor einigen Monaten war seine einzige Tochter gestorben, und seitdem war er nie mehr richtig froh. Seine Haare waren viel grauer geworden.
„Gut, dass du kommst, Doktor“, sagte Herr Sesemann. „Wir müssen noch einmal über die Reise in die Schweiz sprechen. Klara geht es doch jetzt wieder besser.“
„Sesemann, das ist das dritte Mal“, sagte der Doktor. „Klara hatte seit Jahren keinen so schlimmen Sommer. Die Reise ist jetzt zu gefährlich für sie. Im September kann es auf der Alm schon kalt sein, und Klara müsste im Tragstuhl hinaufgetragen werden. Nein, sie soll im nächsten Mai nach Ragaz zur Kur fahren. Wenn es oben warm ist, kann man sie von dort auf die Alm tragen.“
„Sag ehrlich, Doktor: Hast du noch Hoffnung, dass sie gesund wird?“
„Wenig“, sagte der Doktor leise. „Aber du hast wenigstens ein Kind, das sich freut, wenn du nach Hause kommst. Denk an mein leeres Haus!“
Herr Sesemann ging eine Weile im Zimmer auf und ab. Dann blieb er stehen. „Doktor, ich habe eine Idee. Du musst einmal von hier weg. Fahr du in die Schweiz und besuche Heidi auf der Alm, für uns alle!“
Er zog seinen Freund gleich zu Klara. Sie hatte sich den ganzen Sommer auf die Reise gefreut, und nun stiegen ihr Tränen in die Augen. Aber sie wusste, dass der Papa ihr nur verbot, was ihr schaden konnte. Darum schluckte sie die Tränen hinunter und nahm die Hand des Doktors. „Bitte, Herr Doktor, fahren Sie zu Heidi! Und dann erzählen Sie mir alles: was Heidi macht und der Großvater und Peter und die Ziegen. Ich nehme dafür auch so viel Lebertran, wie Sie wollen.“
Der Doktor lächelte. „Dann muss ich wohl fahren, Klara.“
Am Nachmittag packte Fräulein Rottenmeier, die ausnahmsweise sehr gute Laune hatte, ein großes Paket. Klara hatte sich alles selbst ausgedacht. Für Heidi gab es einen warmen Mantel mit Kapuze. Damit konnte sie im Winter allein zur Großmutter gehen und musste nicht warten, bis der Großvater sie im Sack hinuntertrug. Für die Großmutter gab es ein dickes, warmes Tuch und eine Schachtel weicher Kuchen zu ihrem Kaffee. Für Peter war eine riesige Wurst bestimmt, aber Brigitte sollte sie bekommen, damit er nicht alles auf einmal aufaß. Der Großvater bekam Tabak für seine Pfeife. Dazu kamen noch viele kleine Päckchen mit Überraschungen für Heidi. Klara stellte sich vor, wie Heidi vor Freude in die Luft springen würde, wenn das Paket ankam.