Am Morgen weckte Heidi das Rauschen der Tannen. Schnell zog sie sich an, sprang hinaus und hüpfte unter den Bäumen herum. Bald kam Peter mit den Ziegen. „Heute kannst du wieder einmal mitkommen“, sagte er mürrisch.
„Nein, Peter, ich muss zu Hause bleiben. Die Gäste aus Frankfurt können jeden Augenblick kommen.“
„Das sagst du schon lange.“
„Und es gilt, bis sie kommen!“
Da rief der Großvater: „Warum marschiert die Armee nicht weiter?“ Sofort schwang Peter seinen Stock und trieb die Ziegen den Berg hinauf.
Seit Heidi aus Frankfurt zurück war, machte sie jeden Morgen ordentlich ihr Bett und putzte den Tisch, bis er glänzte. „Bei uns ist es jetzt immer wie Sonntag“, sagte der Großvater dann zufrieden. Aber heute war es draußen so schön, dass sie immer wieder hinauslaufen musste. Plötzlich schrie sie: „Großvater, komm! Sie kommen! Und vorn geht der Herr Doktor!“
Sie rannte ihm entgegen und hielt seinen Arm fest. „Guten Tag, Herr Doktor! Und ich danke Ihnen noch tausendmal!“
„Wofür dankst du mir denn?“
„Dass ich wieder heim zum Großvater durfte.“
Da ging ein Leuchten über das traurige Gesicht des Doktors. Er hatte geglaubt, dass Heidi ihn kaum noch kannte. Außerdem hatte er gedacht, dass sie enttäuscht sein würde, weil er allein kam.
„Wo sind Klara und die Großmama?“, fragte Heidi.
„Ich komme allein, Heidi. Klara war sehr krank und konnte nicht reisen. Aber im Frühling, wenn die Tage wieder warm werden, kommen sie ganz sicher.“
Heidi stand eine Weile still. Dann sah sie, wie traurig der Doktor aussah, und sie wollte ihn sofort trösten. „Bis zum Frühling dauert es gar nicht lange. Und dann können sie viel länger bleiben. Das ist Klara bestimmt noch lieber.“
Der Großvater begrüßte den Gast herzlich, denn Heidi hatte schon viel von ihm erzählt. Er riet dem Doktor, im Gasthaus im Dörfli zu wohnen und jeden Tag auf die Alm zu kommen. Mittags stellte er einen Tisch vor die Hütte. Heidi holte froh alles aus dem Schrank, und der Großvater brachte Milch, gebratenen Käse und dünne Scheiben von seinem getrockneten Fleisch. So gut hatte es dem Doktor das ganze Jahr nicht geschmeckt. „Hierher muss unsere Klara kommen“, sagte er. „Hier wird sie stark und gesund.“ Dann flüsterte er Heidi zu: „Bald kommt noch etwas aus Frankfurt. Das macht dir sicher mehr Freude als der alte Doktor.“
Am Nachmittag brachte ein Mann ein großes Paket aus Frankfurt. Heidi packte es aus und rief: „Oh, jetzt kann die Großmutter schöne Kuchen essen!“ Den Tabak brachte sie gleich dem Großvater, und die beiden Männer rauchten zufrieden ihre Pfeifen. Dann stellte sich Heidi vor den Doktor hin. „Das alles hat mir aber nicht mehr Freude gemacht als der alte Herr Doktor!“ Da mussten die Männer lachen.
Am Abend gingen sie mit dem Doktor bis zu Peters Hütte. Dort sollte Heidi bei der Großmutter warten, während der Großvater den Gast ins Dörfli brachte. „Kommen Sie morgen mit auf die Weide?“, fragte Heidi beim Abschied, denn etwas Schöneres kannte sie nicht.
„Ja, Heidi, wir gehen zusammen.“
Bei der Großmutter packte Heidi die Geschenke aus. Die Großmutter freute sich über das warme Tuch noch mehr als über die Kuchen. „So etwas Schönes für den kalten Winter habe ich mein Leben lang nicht gehabt!“ Brigitte starrte die riesige Wurst an und wagte kaum, sie anzufassen. Dann kam Peter herein und blieb sprachlos vor der Wurst stehen. Da kam auch schon der Großvater zurück, und unter den Sternen gingen er und Heidi nach Hause.