Heidi

Ein Lohn für den Doktor

Der Doktor wandert mit Heidi auf die Weide und spricht mit ihr über Schönheit, Trauer und Vertrauen.

Rozdział 17 Niemiecki B1 Średnio zaawansowany
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Am nächsten Morgen stieg der Doktor mit Peter und den Ziegen auf die Alm, wo Heidi schon wartete. Der Großvater hängte Peter den Sack mit dem Mittagessen um. Heute war er schwerer als sonst, denn der Großvater hatte ein schönes Stück Fleisch für den Doktor hineingelegt.

Auf dem Weg hielt Heidi die Hand des Doktors und erzählte ihm von den Ziegen und den Blumen. Oben führte sie ihn zu ihrem liebsten Platz. Der goldene Herbsttag leuchtete über den Bergen, und hoch am Himmel kreiste der Raubvogel, aber heute krächzte er nicht.

„Ja, Heidi, hier ist es schön“, sagte der Doktor. „Aber wenn jemand ein trauriges Herz hierher bringt, wie kann er sich dann über das Schöne freuen?“

„Hier ist man nie traurig, nur in Frankfurt“, sagte Heidi.

„Und wenn das Traurige vom lieben Gott selbst kommt?“

Heidi dachte nach. „Dann muss man warten und denken: Der liebe Gott weiß schon etwas Gutes, das später daraus kommt. Man darf nur nicht weglaufen. Am Ende sieht man, dass er die ganze Zeit etwas Gutes vorgehabt hat.“

„Das ist ein schöner Glaube, Heidi. Halte ihn fest.“ Der Doktor schwieg eine Weile. „Aber manchmal liegt ein großer Schatten über den Augen, und man kann das Schöne gar nicht sehen. Kannst du das verstehen?“

Da dachte Heidi an die Großmutter, die nie mehr die Sonne sehen konnte. „Ja. Dann muss man die Lieder der Großmutter aufsagen, die machen wieder hell im Herzen.“ Sie faltete die Hände und sagte ein langes Lied auf. So fing eine Strophe an:

„Ihn, ihn lass tun und walten,

er ist ein weiser Fürst

und wird es so gestalten,

dass du dich wundern wirst.“

Der Doktor saß lange ganz still, die Hand über den Augen. Er sah sich als kleinen Jungen neben seiner Mutter, die ihm den Arm um den Hals legte und genau dieses Lied vorsagte. Endlich nahm er Heidis Hand. „Dein Lied war schön, Heidi“, sagte er, und seine Stimme klang froher als vorher.

Peter war die ganze Zeit wütend gewesen. Endlich war Heidi wieder einmal mit auf der Weide, und nun saß dieser Herr immer neben ihr! Hinter dem Rücken des Doktors schwang er drohend die Fäuste.

Mittags wollten der Doktor und Heidi nur Milch trinken. „Was im Sack ist, kannst du haben, Peter“, sagte Heidi. Peter sah das herrliche Fleisch, aber dann zog er seine Hand zurück. Er dachte an seine Fäuste, und nun schenkte ihm derselbe Herr sein ganzes Mittagessen! Er lief zu der Stelle, wo er gestanden hatte, und streckte beide Hände flach in die Luft. Das sollte heißen, dass die Fäuste nicht mehr galten. Erst dann konnte er mit gutem Gewissen essen.

Den ganzen September kam der Doktor jeden Tag auf die Alm. Oft wanderte er mit dem Großvater hoch in die Felsen und staunte, wie gut der alte Mann alle Kräuter und Tiere kannte. An den schönsten Tagen aber saß er mit Heidi auf ihrem Platz und hörte ihre Lieder, und Peter drohte ihm nie mehr mit den Fäusten.

Dann kam der letzte Tag. Heidi begleitete den Doktor noch ein Stück den Berg hinunter. „Wenn ich dich nur mit nach Frankfurt nehmen könnte!“, sagte er.

Heidi dachte an die steinernen Straßen und an Fräulein Rottenmeier. „Ich möchte lieber, dass Sie wieder zu uns kommen“, sagte sie leise.

„Ja, das ist besser. Leb wohl, Heidi.“ Seine guten Augen waren voll Tränen, und er drehte sich schnell um. Da fing Heidi laut an zu weinen und lief ihm nach. „Herr Doktor! Ich komme sofort mit nach Frankfurt und bleibe bei Ihnen, solange Sie wollen! Ich muss es nur schnell dem Großvater sagen.“

„Nein, meine liebe Heidi, nicht jetzt. Du musst unter deinen Tannen bleiben, sonst wirst du wieder krank. Aber wenn ich einmal krank und allein bin, kommst du dann zu mir?“

„Ja, dann komme ich sofort“, schluchzte Heidi. „Sie sind mir fast so lieb wie der Großvater.“

Lange winkte sie ihm nach. Der Doktor drehte sich ein letztes Mal um und sagte leise: „Dort oben werden Körper und Seele gesund, und man freut sich wieder am Leben.“

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