Der Schnee lag so hoch, dass Peter jeden Morgen aus dem Fenster springen musste, weil die Tür zugeschneit war. Oben auf der Alm war die Hütte des Großvaters leer, denn er hatte Wort gehalten. Mitte Oktober war er mit Heidi und den Ziegen ins Dörfli gezogen.
Neben der Kirche stand ein großes altes Haus, das schon halb verfallen war. Hier hatte der Großvater schon früher mit seinem Sohn Tobias gewohnt, und den ganzen Herbst über hatte er das Haus repariert. In der alten Halle, wo zwischen den Steinen Gras wuchs, wohnten jetzt Schwänli und Bärli. Dahinter lag ein großes Zimmer mit einem riesigen Ofen aus weißen Kacheln, auf die blaue Bilder gemalt waren. Hinter dem Ofen fand Heidi ihr hohes Bett aus Heu, mit dem Laken und dem Sack als Decke, genau wie oben auf der Alm.
„Oh, Großvater, da ist mein Zimmer! Wie schön!“
„Dein Bett muss nahe beim Ofen stehen, damit du nicht frierst“, sagte der Großvater.
Jetzt ging Heidi jeden Tag in die Schule im Dörfli und lernte sehr eifrig, aber Peter kam fast nie. Zur Großmutter durfte Heidi nicht, denn der Schnee war so tief, dass ein kleines Kind darin verschwinden konnte.
Nach einigen Tagen fror der tiefe Schnee steinhart. Peter setzte sich auf seinen Schlitten, um zur Schule zu fahren. Aber er fuhr so schnell, dass er erst weit hinter Maienfeld zum Stehen kam. Für die Schule war es nun zu spät, und erst mittags kam er zu Heidi und dem Großvater.
„Der Schnee ist hart“, sagte Peter.
„Oh, jetzt kann ich zur Großmutter!“, rief Heidi. „Aber warum warst du nicht in der Schule, Peter?“
„Ich bin mit dem Schlitten zu weit gefahren.“
„Das nennt man desertieren“, sagte der Großvater. „Was machst du, wenn eine Ziege wegläuft?“
„Ich schlage sie.“
„Gut. Wenn du noch einmal an der Schule vorbeifährst, dann komm zu mir und hol dir, was du verdient hast.“
Erschrocken verstand Peter, dass er gemeint war. Aber dann sagte der Großvater freundlich: „Jetzt iss mit, dann geht Heidi mit dir hinauf.“ Heidi zog den warmen Mantel mit der Kapuze an, den Klara ihr geschickt hatte. Unterwegs schwieg Peter lange, und bei der Hütte sagte er: „Dann gehe ich lieber in die Schule, als mir das beim Öhi zu holen.“
Die Großmutter lag im Bett, in ihr warmes Tuch gewickelt. „Gott sei Dank, du bist es!“, sagte sie. Den ganzen Herbst hatte sie Angst gehabt, dass der fremde Herr aus Frankfurt Heidi wieder mitnehmen würde.
„Bist du sehr krank, Großmutter?“
„Nein, Kind, mir ist nur überall im Körper kalt.“
Heidi sah, dass die Decke der Großmutter dünn und ihr Kissen ganz flach war. „In Frankfurt hatte ich drei dicke Kissen. Könntest du auf einem dicken Kissen besser schlafen, Großmutter?“
„Ja, wenn der Kopf höher liegt, kann man besser atmen. Aber ich will nicht klagen. Liest du mir etwas vor?“
Heidi holte das Liederbuch und las ein Lied nach dem anderen, und die Großmutter lag mit gefalteten Händen da und lächelte glücklich. Am Ende des letzten Liedes wiederholte sie die Worte immer wieder:
„Wird mein Auge dunkler, trüber,
dann erleuchte meinen Geist,
dass ich fröhlich zieh hinüber,
wie man nach der Heimat reist.“
„Großmutter, ich weiß, wie das ist, wenn man nach der Heimat reist!“, rief Heidi froh, denn sie dachte an ihre Heimkehr.
„Weißt du, Heidi“, sagte die Großmutter, „wenn man so viele Tage allein im Dunkeln liegt und kein Wort hört, dann kommen schwere Gedanken. Aber wenn ich die Worte höre, die du mir vorliest, dann geht mir ein Licht im Herzen auf.“
Im Mondschein fuhren Peter und Heidi auf dem Schlitten ins Dörfli hinunter, schnell wie zwei Vögel. Später lag Heidi in ihrem Bett hinter dem Ofen und dachte an die Großmutter. Wenn sie die Lieder doch jeden Tag hören könnte! Plötzlich hatte Heidi eine Idee, und sie freute sich so sehr, dass sie den Morgen kaum erwarten konnte. Dann betete sie noch und schlief friedlich ein.