Am nächsten Tag kam Peter pünktlich zur Schule. Nach dem Unterricht besuchte er Heidi, und sie lief ihm gleich entgegen. „Peter, ich weiß etwas: Jetzt musst du lesen lernen.“
„Kann ich nicht.“
„Das glaubt dir jetzt niemand mehr. Die Großmama in Frankfurt hat gesagt, dass es nicht wahr ist. Ich bringe es dir bei, und dann liest du der Großmutter jeden Tag ein Lied vor.“
„Das ist nichts für mich“, brummte Peter.
Da blitzten Heidis Augen. „Deine Mutter hat schon zweimal gesagt, dass du auch nach Frankfurt musst, damit du etwas lernst. Dort gibt es eine riesige Schule, in die sogar große Herren gehen. Sie sind ganz schwarz angezogen und tragen so hohe schwarze Hüte!“ Heidi zeigte mit der Hand, wie hoch. „Und wenn du dann nicht lesen kannst, lachen dich alle diese Herren aus!“
Peter lief ein Schauer über den Rücken. „Dann will ich eben“, sagte er halb kläglich, halb ärgerlich.
In Klaras Paket war auch ein kleines Abc-Buch mit Sprüchen gewesen. Darüber beugten sich nun die beiden Köpfe. Peter musste die ersten Buchstaben wieder und wieder lesen. Dann las Heidi ihm den Spruch vor:
„Geht heut das A B C noch nicht,
kommst morgen du vors Schulgericht.“
„Ich gehe nicht vors Gericht!“, sagte Peter.
„Dann lern die drei Buchstaben, dann musst du nicht hin.“
Und Peter lernte, bis er sie kannte. Von da an kam er jeden Abend. Jeden Abend las Heidi ihm einen neuen Spruch vor, und in jedem Spruch stand eine Drohung für Kinder, die ihre Buchstaben nicht lernen. Peter fürchtete sich und lernte fleißig. Der Großvater saß oft dabei, rauchte seine Pfeife und musste sein Lachen unterdrücken. Nach der Arbeit durfte Peter zum Abendessen bleiben.
Drei Wochen lang lag zu viel Schnee, und Heidi konnte nicht zur Großmutter. Darum arbeitete sie umso eifriger mit Peter. Eines Abends kam er nach Hause und sagte: „Ich kann es!“
„Was kannst du, Peter?“, fragte seine Mutter.
„Lesen. Und jetzt muss ich ein Lied vorlesen, hat Heidi gesagt.“
Brigitte holte schnell das Buch. Nach jedem Vers sagte sie voll Bewunderung: „Wer hätte das gedacht!“
Am nächsten Tag sollte Peter in der Schule vorlesen. Der Lehrer erwartete wie immer nur Stottern. Aber Peter las drei Zeilen hintereinander. „Peter, das ist ja ein Wunder!“, rief der Lehrer. „Woher kommt das?“
„Von Heidi.“
„Und du hast auch keinen einzigen Tag mehr in der Schule gefehlt. Woher kommt das?“
„Vom Öhi.“
Jetzt las Peter jeden Abend der Großmutter ein Lied vor, aber nie mehr als eines. „Es ist gut, dass er etwas gelernt hat“, sagte die Großmutter zu Brigitte. „Aber ich freue mich doch, wenn der Frühling kommt und Heidi wieder zu mir kann. Wenn Peter liest, fehlt oft etwas in den Versen.“ Das stimmte, denn wenn ein Wort zu lang oder zu schwierig war, ließ Peter es einfach weg.