Früh am Morgen stellte der Großvater den Rollstuhl vor den Schuppen und ging in die Hütte, um die Kinder zu holen. Da kam Peter mit seinen Ziegen herauf, so wütend wie noch nie. Seit Wochen hatte er Heidi nicht mehr für sich gehabt, denn immer kümmerte sie sich um das fremde Mädchen. Und heute wollten die beiden sogar mit auf die Weide! Peter sah den Stuhl an wie einen Feind. Niemand war zu sehen. Da packte er den Stuhl und stieß ihn mit aller Kraft den Hang hinunter.
Hinter einem Busch versteckt sah er zu, wie der Stuhl immer schneller hinunterraste, sich überschlug und in Stücke flog. Peter sprang vor Freude in die Höhe. Jetzt musste die Fremde abreisen, und Heidi gehörte wieder ihm! Aber er dachte nicht daran, was nach einer bösen Tat kommt.
Heidi lief zum Schuppen, aber der Stuhl war nicht da. Gerade schlug der Wind die Schuppentür laut gegen die Wand. „Großvater, der Wind hat ihn weggeblasen!“, rief Heidi.
„Wenn er da hinuntergerollt ist, ist er in hundert Stücken“, sagte der Großvater und sah den Berg hinunter. „Aber seltsam ist das schon.“
„Oh, wie schade! Jetzt muss ich sicher nach Hause“, jammerte Klara.
„Heute gehen wir trotzdem auf die Weide“, sagte der Großvater. „Dann sehen wir weiter.“ Er nahm Klara auf den einen Arm und die Decken auf den anderen.
Oben lag Peter zwischen seinen Ziegen im Gras. „Hast du den Stuhl gesehen?“, fragte der Großvater.
„Welchen?“, rief Peter trotzig zurück.
Der Großvater sagte nichts mehr. Er setzte Klara auf die Decken in die Sonne und legte den Sack mit dem Mittagessen in den Schatten. Dann ging er, um den Stuhl zu suchen. Am Abend wollte er wiederkommen.
Nach ein paar Stunden wollte Heidi unbedingt sehen, ob die Blumen drüben schon blühten. Sie brachte Klara das Schneehöppli und ein paar Kräuter, damit sie nicht allein war. Klara fütterte das kleine Tier, und es legte sich vertrauensvoll neben sie. Da wünschte sich Klara auf einmal, auch einmal anderen zu helfen und nicht immer nur Hilfe zu brauchen.
Heidi kam außer Atem zurück. „Klara, die Blumen sind so schön! Du musst sie sehen. Vielleicht kann ich dich tragen?“
„Nein, Heidi, du bist ja viel kleiner als ich. Wenn ich nur gehen könnte!“
Weiter oben saß Peter und starrte zu ihnen herunter, denn er verstand nicht, warum die Fremde trotz allem hier oben war. „Peter, komm herunter, du musst mir helfen!“, rief Heidi.
„Ich komme nicht.“
Da lief Heidi ihm ein Stück entgegen, und ihre Augen blitzten. „Peter, wenn du nicht sofort kommst, mache ich etwas, das dir gar nicht gefällt!“
Peter erschrak. Wusste Heidi etwa, was er getan hatte? Wenn sie es dem Öhi sagte! Ganz zahm kam er herunter. „Ich komme ja. Aber dann darfst du es nicht tun.“
„Nein, nein, keine Angst“, sagte Heidi freundlich.
Peter und Heidi hoben Klara hoch und stützten sie von beiden Seiten. Aber Klara konnte nicht stehen und zog ihre Füße immer gleich wieder zurück. „Tritt einmal fest auf“, sagte Heidi. „Dann tut es danach weniger weh.“
Klara trat fest auf, zuerst mit einem Fuß, dann mit dem anderen. Sie schrie ein wenig, aber dann sagte sie froh: „Das hat schon viel weniger wehgetan!“ Sie versuchte es wieder und wieder. Plötzlich rief sie: „Heidi, ich kann es! Ich kann Schritte machen, einen nach dem anderen!“
„Oh, Klara, jetzt kannst du gehen!“, jubelte Heidi. „Jetzt können wir jeden Tag zusammen auf die Weide, und du musst nie mehr im Stuhl geschoben werden!“
Mit jedem Schritt wurde Klara ein wenig sicherer, und so kamen sie zu der Wiese mit den blauen Glockenblumen und den goldenen Blüten. Zum ersten Mal in ihrem Leben saß Klara auf dem warmen Boden mitten in den Blumen, so glücklich, dass sie nichts mehr sagen konnte.
Spät am Nachmittag teilte Heidi das Mittagessen. Mit ihrer Drohung hatte sie nur gemeint, dass Peter nichts davon bekommt, wenn er nicht hilft. Jetzt bekam er sogar alles, was übrig blieb. Aber es schmeckte ihm nicht so wie sonst, denn sein schlechtes Gewissen ließ ihm keine Ruhe.
Dann kam der Großvater. Heidi konnte vor Aufregung kaum erzählen, aber er verstand sofort, und sein Gesicht leuchtete. „So, wir haben es gewagt, und nun haben wir es auch geschafft!“, sagte er zu Klara. Er stützte sie mit seinem starken Arm, und sie ging noch sicherer als vorher. Dann trug er sie nach Hause, denn für heute war es genug.
Am Abend standen im Dörfli viele Leute um die Reste des Rollstuhls herum. „Der war mindestens fünfhundert Franken wert“, sagte der Bäcker. „Wenn der Herr in Frankfurt davon hört, lässt er bestimmt untersuchen, wie das passiert ist.“ Da lief Peter, so schnell er konnte, nach Hause. Er sah schon einen Polizisten aus Frankfurt kommen, der ihn ins Gefängnis brachte, und stöhnte die ganze Nacht im Bett.
Oben sahen Klara und Heidi aus ihren Betten die Sterne. „Siehst du, Klara“, sagte Heidi, „in Frankfurt habe ich so sehr gebetet, dass ich sofort heimgehen darf. Aber wenn das gleich passiert wäre, wärst du nie hierhergekommen und nicht gesund geworden. Der liebe Gott wusste etwas viel Besseres.“ Dann dankten die beiden Gott für das große Glück, dass Klara jetzt gehen konnte.
Am nächsten Morgen machten die Kinder einen Plan: Die Großmama sollte erst in einer Woche kommen und bis dahin nichts erfahren. Klara übte jeden Tag, und jeden Morgen dachte sie beim Aufwachen: „Ich bin gesund! Ich kann gehen wie die anderen Menschen!“