Die Zeit verging, und Heidi war jetzt fast acht Jahre alt. Zweimal hatte der Lehrer im Dörfli dem Großvater durch Peter sagen lassen, dass Heidi in die Schule kommen musste, aber der Großvater wollte davon nichts wissen.
An einem sonnigen Morgen im März kam der Pfarrer aus dem Dörfli. Früher, als der Großvater noch im Dorf gewohnt hatte, waren sie Nachbarn gewesen. Nun schickte der Großvater Heidi zu den Ziegen hinaus.
„Das Kind hätte schon letzten Winter in die Schule gehen sollen“, sagte der Pfarrer. „Was haben Sie mit ihm vor, Nachbar?“
„Es wächst mit den Ziegen und den Vögeln auf. Von denen lernt es nichts Böses.“
„Aber das Kind ist keine Ziege und kein Vogel. Nächsten Winter kommt es in die Schule.“
„Soll ich ein Kind im Winter durch Sturm und Schnee zwei Stunden weit den Berg hinunterschicken?“, rief der Großvater. „Das tue ich nicht!“
„Da haben Sie recht“, sagte der Pfarrer freundlich. „Aber dann kommen Sie doch für den Winter ins Dörfli herunter und leben wieder mit den Menschen. Machen Sie Frieden mit Gott, dann werden Sie sehen, wie anders die Menschen Sie ansehen.“
Der Großvater gab ihm die Hand, aber er sagte fest: „Sie meinen es gut mit mir, Herr Pfarrer. Aber das Kind schicke ich nicht, und herunter komme ich nicht.“
„Dann kann Ihnen nur Gott helfen“, sagte der Pfarrer traurig und ging.
Am nächsten Tag kam wieder Besuch: Dete, mit einem Federhut und einem langen Kleid. Sie erzählte lange und eifrig von einer sehr reichen Familie in Frankfurt. Die einzige Tochter musste immer im Rollstuhl sitzen und war oft allein. Darum suchte die Dame, die den Haushalt führte, ein besonderes Mädchen, das mit ihr spielte und lernte. „So ein Glück hat nur ein Kind unter hunderttausend!“, sagte Dete.
„Bist du bald fertig?“, unterbrach sie der Großvater. „Ich will nichts davon wissen.“
Da wurde Dete wütend. „Das Kind ist acht Jahre alt und kann nichts! Sie lassen es nicht in die Schule und nicht in die Kirche gehen, das sagen alle im Dörfli. Es ist das Kind meiner einzigen Schwester. Und wenn Sie vor Gericht gehen wollen, denken Sie gut nach, Öhi. Da kommen vielleicht alte Geschichten wieder heraus, die Sie nicht gern hören.“
„Schweig!“, donnerte der Großvater, und seine Augen brannten wie Feuer. „Nimm sie und verdirb sie! Aber komm nie wieder mit ihr zu mir. Ich will sie nie mit einem Federhut sehen und mit solchen Worten im Mund wie dich heute!“ Dann ging er mit großen Schritten hinaus.
„Du hast den Großvater böse gemacht“, sagte Heidi, und ihre schwarzen Augen blitzten.
„Er wird schon wieder gut“, sagte Dete und packte Heidis Kleider ein. „Du hast doch gehört, dass er uns nicht mehr sehen will. Und wenn es dir in Frankfurt nicht gefällt, kannst du heimkommen, wann du willst. Mit der Eisenbahn geht das ganz schnell.“
Unterwegs trafen sie Peter, der die Schule geschwänzt hatte und ein großes Bündel Haselruten trug. „Wohin gehst du?“, fragte er.
„Ich muss nur schnell nach Frankfurt“, sagte Heidi. „Aber zuerst will ich zur Großmutter.“
„Nein, dafür ist es zu spät!“, sagte Dete und zog sie weiter. Peter rannte in die Hütte und schlug mit seinen Ruten so heftig auf den Tisch, dass alles zitterte. „Sie hat Heidi mitgenommen!“, rief er.
Die Großmutter öffnete zitternd das Fenster und rief hinaus: „Dete, Dete, nimm uns das Kind nicht weg!“
„Die Großmutter ruft, ich will zu ihr“, sagte Heidi. Aber Dete hielt sie fest. „Komm schnell! Wenn du wiederkommst, kannst du der Großmutter weiche weiße Brötchen mitbringen. Das harte schwarze Brot kann sie doch kaum noch essen.“
„Ja, sie gibt es immer Peter“, sagte Heidi. „Dann gehen wir schnell, damit ich bald mit den Brötchen wieder da bin!“ Und nun rannte sie so schnell, dass Dete kaum mitkam.
Von diesem Tag an sah der Alm-Öhi böser aus als je zuvor, und im Dörfli waren alle froh, dass das Kind nicht mehr bei ihm war. Nur die blinde Großmutter erzählte jedem, wie gut der Öhi zu dem Kind gewesen war und wie oft er ihre Hütte repariert hatte. Aber jetzt kam er nicht mehr, und die Großmutter seufzte jeden Tag: „Ach, mit dem Kind ist alle Freude weg. Wenn ich nur noch einmal Heidi hören könnte, bevor ich sterbe!“