Im Haus von Herrn Sesemann in Frankfurt saß seine kranke Tochter Klara den ganzen Tag im Rollstuhl. Man schob sie von einem Zimmer ins andere. Sie hatte ein blasses, schmales Gesicht und sanfte blaue Augen. Seit ihre Mutter gestorben war, führte das strenge Fräulein Rottenmeier mit ihrer hohen, seltsamen Frisur den Haushalt. Herr Sesemann war meistens auf Reisen, aber er verlangte, dass im Haus nichts gegen Klaras Wunsch geschah.
„Ist es denn immer noch nicht Zeit, Fräulein Rottenmeier?“, fragte Klara ungeduldig.
Endlich führte man Dete und Heidi herein. Fräulein Rottenmeier sah sich das Kind in seinem einfachen Kleid und dem alten, zerdrückten Strohhut lange an, und was sie sah, gefiel ihr nicht. Heidi aber staunte über die hohe Frisur der Dame.
„Wie heißt du?“, fragte Fräulein Rottenmeier.
„Heidi.“
„Das ist doch kein richtiger Name! Wie bist du getauft?“
„Das weiß ich nicht mehr.“
„Sie heißt Adelheid, wie ihre Mutter“, sagte Dete schnell.
„Fräulein Klara ist zwölf Jahre alt“, sagte Fräulein Rottenmeier. „Wie alt ist das Kind?“
„Ungefähr zehn“, sagte Dete.
„Jetzt bin ich acht, das hat der Großvater gesagt“, erklärte Heidi.
„Was, erst acht? Vier Jahre zu jung! Und was hast du gelernt? Kannst du lesen?“
„Nein. Peter kann es auch nicht.“
„Du kannst nicht lesen!“, rief Fräulein Rottenmeier entsetzt. „Was hast du denn überhaupt gelernt?“
„Nichts“, sagte Heidi ehrlich.
„Sie wollten doch ein besonderes Kind, das nicht wie alle anderen ist, und das ist sie“, sagte Dete. „Jetzt muss ich aber gehen.“ Und schon war sie zur Tür hinaus. Fräulein Rottenmeier lief ihr nach.
Nun winkte Klara das Kind zu sich. „Willst du lieber Heidi oder Adelheid heißen?“
„Ich heiße nur Heidi.“
„Dann nenne ich dich so. Bist du gern nach Frankfurt gekommen?“
„Nein. Aber morgen gehe ich wieder nach Hause und bringe der Großmutter weiße Brötchen mit.“
„Du bist aber ein komisches Kind!“, sagte Klara. „Du sollst doch hierbleiben und mit mir lernen. Sonst ist der Unterricht so langweilig! Jeden Morgen kommt der Hauslehrer und gähnt hinter seinem Buch, und Fräulein Rottenmeier gähnt hinter ihrem Taschentuch. Ich darf nicht gähnen, sonst denkt sie, dass ich wieder schwach bin, und gibt mir Lebertran.“
Zum Abendessen schob der Diener Sebastian den Rollstuhl ins Esszimmer. Er hatte große runde Knöpfe an der Jacke und fast ebenso große runde Augen, und Heidi sah ihn lange an. „Was ist denn?“, fragte er.
„Du siehst aus wie der Geißenpeter.“
„Unglaublich!“, stöhnte Fräulein Rottenmeier. „Sie duzt den Diener!“
Neben Heidis Teller lag ein schönes weißes Brötchen. Als Sebastian ihr den Fisch anbot, zeigte sie auf das Brötchen. „Kann ich das haben?“ Sebastian nickte, und sofort steckte Heidi das Brötchen in die Tasche. Er musste sein Lachen unterdrücken und blieb stumm mit der Schüssel stehen, bis Heidi fragte: „Soll ich davon auch essen? Dann gib mir.“ Jetzt zitterte die Schüssel in seinen Händen bedenklich.
„Stellen Sie die Schüssel auf den Tisch, Sebastian“, sagte Fräulein Rottenmeier streng. Dann zeigte sie Heidi, wie man sich bei Tisch bedient. „Mit dem Diener sprichst du bei Tisch nicht. Und du sagst ‚Sie‘ zu ihm, hörst du? Auch zum Zimmermädchen Tinette.“ Dann erklärte sie noch viele Regeln über das Aufstehen und Schlafengehen, über Ordnung und Türen. Heidi war seit fünf Uhr morgens auf den Beinen und hatte eine lange Reise hinter sich, und während Fräulein Rottenmeier redete, fielen ihr die Augen zu.
„Hast du alles verstanden, Adelheid?“, fragte Fräulein Rottenmeier zuletzt.
„Heidi schläft schon lange“, sagte Klara und lachte. So lustig war das Abendessen für sie schon lange nicht mehr gewesen.