Am nächsten Morgen klingelte es so heftig an der Haustür, dass Sebastian die Treppe hinunterrannte. Er dachte: „So klingelt nur Herr Sesemann selbst!“ Aber draußen stand ein Junge in zerrissenen Kleidern mit einer Drehorgel auf dem Rücken.
„Ich muss zu Klara“, sagte er. „Sie schuldet mir vierzig Pfennig für den Weg zur Kirche und zurück. Sie hat kurze schwarze Locken und redet nicht so wie wir.“
„Aha, das ist unser kleines Fräulein“, dachte Sebastian und lachte leise. Er führte den Jungen hinauf zum Studierzimmer, klopfte an, und Klara rief: „Er soll gleich hereinkommen!“ Sofort begann der Junge, seine Orgel zu drehen.
Fräulein Rottenmeier hörte die Musik und lief hinüber. „Aufhören! Sofort aufhören!“, rief sie, aber die Orgel war lauter. Als sie auf den Jungen zulief, kroch ihr plötzlich ein schwarzes Tier zwischen den Füßen durch: eine Schildkröte! Fräulein Rottenmeier machte einen Sprung, wie sie ihn seit vielen Jahren nicht mehr gemacht hatte, und schrie nach Sebastian. Der schob den Jungen mit seiner Schildkröte hinaus und gab ihm draußen Geld: „Vierzig von Fräulein Klara und vierzig für die Musik. Das hast du gut gemacht.“
Kurz danach brachte Sebastian einen großen Korb für Fräulein Klara. Plötzlich sprangen junge Kätzchen unter dem Deckel hervor, eins, zwei, drei und immer mehr. Sie kletterten am Kleid von Fräulein Rottenmeier hinauf, bissen in die Hosen des Lehrers und sprangen auf Klaras Rollstuhl. Klara rief begeistert: „Oh, wie süß!“ Fräulein Rottenmeier aber wagte nicht aufzustehen und schrie nur immer nach Tinette und Sebastian. Endlich packte Sebastian die Kätzchen in den Korb und trug sie hinauf auf den Dachboden zu den beiden anderen.
Am Abend kam heraus, dass Heidi an allem schuld war. „Adelheid, du bist eine Wilde“, sagte Fräulein Rottenmeier streng. „Ich sperre dich in den dunklen Keller zu den Ratten. Dann wirst du vielleicht zahm.“
Heidi wunderte sich nur, denn der Keller des Großvaters war ein freundlicher Raum mit Käse und frischer Milch. Aber Klara rief: „Nein, Fräulein Rottenmeier! Wir warten, bis Papa kommt. Er soll entscheiden, was mit Heidi geschieht.“ Dagegen konnte Fräulein Rottenmeier nichts sagen.
Klara langweilte sich jetzt nie mehr. Heidi konnte die Buchstaben einfach nicht lernen. Wenn der Lehrer erklärte, dass ein Buchstabe wie ein kleines Horn oder ein Schnabel aussah, rief sie fröhlich: „Das ist eine Ziege!“ oder „Das ist der Raubvogel!“ Nachmittags erzählte sie Klara von der Alm, bis die Sehnsucht in ihr brannte. Aber Klara bat sie jedes Mal, bis zu Papas Besuch zu bleiben. Jeden Tag legte Heidi zwei weiße Brötchen für die Großmutter in ihren Schrank. Oft saß sie stundenlang allein in ihrem Zimmer und dachte an die grüne Alm und die leuchtenden Berge. Dete hatte doch gesagt, dass sie heimgehen konnte, wann sie wollte. Eines Tages hielt sie es nicht mehr aus. Sie packte ihre Brötchen in ihr großes rotes Tuch, setzte ihren alten Strohhut auf und ging hinunter. Aber an der Haustür traf sie Fräulein Rottenmeier.
„Was soll das? Du siehst ja aus wie eine Landstreicherin!“
„Ich wollte nur nach Hause.“
„Weglaufen? Hast du jemals so gut gewohnt und gegessen wie hier? Du bist ein undankbares Kind!“
Da brach alles aus Heidi heraus. „Ich will ja nur heim! Das Schneehöppli weint, wenn ich nicht komme, und die Großmutter wartet auf mich. Und der Distelfink bekommt Schläge, wenn Peter keinen Käse bekommt. Hier sieht man nie, wie die Sonne den Bergen gute Nacht sagt. Und wenn der Raubvogel über Frankfurt fliegen würde, würde er noch viel lauter krächzen, weil hier so viele Menschen zusammensitzen und einander böse machen!“
„Barmherziger Himmel, das Kind ist verrückt geworden!“, rief Fräulein Rottenmeier und lief die Treppe hinauf. Dabei stieß sie mit Sebastian zusammen. „Holen Sie sofort das Kind herauf!“, rief sie und rieb sich den Kopf.
Heidi stand noch an der Tür und zitterte am ganzen Körper. Sebastian klopfte ihr freundlich auf die Schulter. „Nicht so traurig sein, kleines Fräulein! Den Kätzchen geht es übrigens gut. Später schauen wir sie zusammen an, ja?“ Heidi nickte, aber so traurig, dass es ihm leidtat.
Am nächsten Tag sah Fräulein Rottenmeier in Heidis Schrank nach, denn bevor Herr Sesemann kam, sollte Heidi schönere Kleider von Klara bekommen. Entsetzt kam sie zurück. „Klara, stell dir vor, im Kleiderschrank liegt ein Haufen alter Brötchen! Tinette, bringen Sie das alte Brot weg und den zerdrückten Strohhut auch!“
„Nein!“, schrie Heidi. „Ich brauche den Hut, und die Brötchen sind für die Großmutter!“ Aber Fräulein Rottenmeier hielt sie fest. Da warf sich Heidi neben Klaras Rollstuhl und weinte ganz verzweifelt. „Jetzt bekommt die Großmutter keine Brötchen!“
„Heidi, weine nicht so“, bat Klara. „Ich verspreche dir, ich gebe dir genauso viele Brötchen, wenn du nach Hause gehst, oder noch mehr, und dann sind sie frisch und weich.“
Erst nach langer Zeit beruhigte sich Heidi. Als sie am Abend ins Bett steigen wollte, lag unter der Decke ihr alter Strohhut. Sebastian hatte ihn heimlich für sie gerettet. Heidi wickelte ihn glücklich in ein Taschentuch und versteckte ihn in der hintersten Ecke ihres Schranks.